très roger Herr Willemsen, 2001 haben Sie ihren TV-Ausstieg verkündet - jetzt geht es doch wieder los. Sind die Produktionsumstände beim "Literaturclub" angenehmer?
Willemsen: In der Schweiz habe ich zum ersten Mal einen Redakteur getroffen, der mit mir zuallererst über Literatur redet und nicht über Quote. Ich habe zwei Jahre Musik beim ZDF gemacht und weiß bis heute nicht, was der Musikredakteur hört - weil wir ausschließlich über Quote geredet haben.
Ihren Ausstieg haben Sie damit begründet, dass es keinen Spaß mache, Minderheitenprogramme für das Massenpublikum zu gestalten. Ist der Gang zum Minderheitensender" 3sat also nur konsequent?
Willemsen: Da muss ich korrigieren: Mich hat nicht 3sat geholt. 3sat macht - und bitte sehen Sie auf mein maliziöses Lächeln - eine Buchsendung mit Helmut Markwort. Mich hat der öffentlich-rechtliche Sender des Schweizer Fernsehens geholt, und das wird auch auf 3sat ausgestrahlt. Mein Satz, dass es ermüden kann, Minderheiteninteressen in Massenmedien zu vermitteln, steht immer noch.
Wie haben Sie die Arbeit unter Quotendruck erlebt?
Willemsen: Die Zwangsvorstellung der Quotenerwirtschaftung habe ich als Regisseur, Produzent und Moderator erlebt. Insofern weiß ich, was es heißt. Sie können ja mal recherchieren, was Regisseure für Auflagen für Fernsehfilme kriegen: Wann muss die erste Frau nackt aus der Dusche kommen, damit der Zuschauer auch ja dran bleibt? Kann es künftig noch Filme geben, die bei Nacht spielen, weil doch angeblich Filme bei Nacht geringere Quote haben? Irgendwann wird man feststellen, dass blonde Menschen eine bessere Quote haben als dunkelhaarige ...
Und in der Talk-Sparte?
Willemsen: Es ist noch jeder Moderator, der was anderes wollte, von der Medienkritik mit Dreck beworfen worden - ob das Friedrich Küppersbusch war, ob ich es war oder ob es Charlotte Roche ist, die ich als im Augenblick die größte Lichtgestalt des Interviews überhaupt sehe. Das Resultat ist das schlechteste gemeinsame Vielfache: Beckmann. Die Kulturkritik, die aus dem Feuilleton kommt, finde ich immer relativ billig. Wenn die Zeitungen selbst ins Fernsehen gehen, machen die dasselbe wie die kommerziellen Anstalten: Sie holen sich eine Schickse als Moderatorin, holen sich den Straßenstrich in Belgrad oder ein Pornocasting in Budapest. Ich weiß nicht, wie der Spiegel" überhaupt noch Kulturkritik machen soll.
Haben Sie beim Schweizer TV keine Quotenvorgabe?
Willemsen: Bevor ein Buch in die Sendung kommt, wird keine Sekunde über die Quote nachgedacht. Einen Klassiker wie diese Sendung irgendwie attraktiver zu machen, das ist überhaupt nicht nötig. Die Schweizer finden, dass zehn Prozent Marktanteil ein wunderbares Ergebnis sind.
Wie verhält sich der Literaturclub" zu Elke Heidenreichs Lesen!" oder zum Literarischen Quartett"?
Willemsen: Der Unterschied ist einfach: Die Sendung, die ich mache, hat die höchste analytische Differenzierung. Jeder stellt ein Buch vor, an dem er leidenschaftlich hängt und das er verteidigt. Das ergänzt sich, indem drei andere Kritiker da sitzen, die Einwände vorbringen. Dadurch ergibt sich eine sehr viel höhere Differenzierung, als bei Elke, die mit einem Gast alleine spricht und sich ganz am Prinzip des Enthusiasmus orientiert. Das Quartett" hatte am Ende eine sehr schlechte Quote und war eher als öffentliches Thema präsent. Ich glaube Elke Heidenreich hat inzwischen die dreifache Quote.
Das Quartett" wirkte stark über die Person Reich-Ranickis, wie ist das im Literaturclub"?
Willemsen: Ich bin fassungslos, welche publizistische Begleitung ich bekomme, dafür dass ich in die Schweiz gehe: Die Neue Zürcher Zeitung" macht dazu eine ganze Seite, und fürs Fernsehen hat Roger de Weck ein einstündiges Interview mit mir geführt. Mir tun die Schweizer schon Leid, weil an mir nicht vorbeizukommen war. Die Sendung steht aber im Dienste der Literatur, nicht der Person.
Finden auch Gedichte in den Literaturclub"?
Willemsen: Das kann vorkommen. Die erste literarische Resonanz auf den 11. September war Lyrik. Ich würde mich in so einem Zusammenhang immer bemühen, einen Lyrikband zu finden, nach dem die Menschen greifen.
Behandeln Sie im Fernsehen Bestseller?
Willemsen: Ich finde, auch Michael Moore muss man in der Sendung machen. Wer die ersten drei Plätze in der Bestenliste besetzt, der ist ein Phänomen. Das Interessante daran ist: Wie schreibt man ein Buch, das auf Gegenwartsgeschichte bezogen ist und verortet es so im Allgemeinverständnis des Lesers, dass der es unbedingt haben will. Ich hätte auch Kurt Cobains Tagebücher gemacht.
Die Talkshow ist gerade 25 Jahre alt geworden: Werden Sie nostalgisch, wenn Sie sich die NDR Classics" ansehen?
Willemsen: Die Wahrheit ist: Ja. Talkshow hat am Anfang sehr viel von einer Gesprächsform gehabt, die weitgehend aus dem Fernsehen verschwunden ist. Sie bemerken bei Reinhard Münchenhagen, bei Dietmar Schönherr und Wolf Schneider Wege des Erforschens von Personen. Und ich gucke zu, wie die Person stammelt, verlegen wird, nicht weiter weiß. Heute gibt es kaum eine Show, bei der die Redakteure sich nicht schon vorher alles erzählen lassen. Und dann können die hinter der Bühne mitlesen, wie man die Antworten kriegt, die man schon produziert hatte. Ich lehne das Siegen auf die feige Beckmann-Art ab - nach dem Prinzip: Ich brauche nur noch Naddel, um zu zeigen, was ich selbst für eine intellektuelle Größe bin. Dazu muss man wirklich das sehr kleine menschliche Kaliber von Reinhold Beckmann haben. Und der wird dann auch bei GQ" Medienmann des Jahres. Herzlichen Glückwunsch zu dieser Inthronisierung des Nichts.
Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen mit dem investigativen Interview?
Willemsen: Es kommt darauf an, ob der Gast satisfaktionsfähig ist. Als ich Helmut Markwort vor mir hatte, war das ein Mann, der durch Fernsehen und durch Focus" massenhaft Bewusstsein bildet und der massenhaft Unwahrheiten vertreibt. Dann habe ich ein Interview nur über diese Fälschungen gemacht. Das Gespräch darf nie wieder ausgestrahlt werden; ich habe eine Rüge vom Fernsehrat dafür bekommen. Heute wird an den journalistischen Instituten damit gearbeitet. Wir haben einen schwunghaften Handel mit dieser Videokassette getrieben. Seit dieser Sendung darf ich in Focus" nicht mehr vorkommen. Und: Ich durfte danach über zwei Jahre keine Politiker im ZDF interviewen.
Wie lebt man mit dem Image des TV-Intellektuellen?
Willemsen: Das Schöne daran ist: Ich finde es ehrenhaft, wenn es Menschen gibt, die sagen: Geistige Ansprüche an ein Massenmedium werden durch jemand repräsentiert. Auf den Lesereisen habe ich gemerkt, dass ich in der Hinsicht Repräsentant bin - so wenig ich das schultern kann. Aber ich zucke immer zusammen gegenüber den Leuten, die viel intelligenter sind als ich und viel mehr wissen.
Viele Ihrer Sendungen hatten Ihren Namen im Titel. Wie fühlt man sich als Marke?
Willemsen: Dagegen habe ich mich immer gewehrt. Gegen den Titel Willemsens Zeitgenossen" bin ich Sturm gelaufen. Das haben sie mir nicht erlaubt.
Für ihr Buch Deutschlandreise" haben Sie in einer dreimonatigen Auszeit die Nation bereist. Reizt Sie der Gedanke, sich dauerhaft zurückzuziehen und sich als Privatier rein persönlichen Projekten zu widmen?
Willemsen: Eine Zeit lang habe ich das mit der Deutschlandreise" gemacht. Aber wenn man an Kommunikation hängt, stößt man immer wieder an die Stelle, wo man sagt: Du musst wirken". Im Moment bin ich wieder an dem Punkt, wo mir die öffentliche Vermittlung Spaß macht.
Sie haben in München und Bochum als Dozent an der Universität gearbeitet. Hätten Sie noch mal Lust auf die Lehre?
Willemsen: Was das Unterrichten angeht, bin ich fatalistischer geworden. Ich werde zu viel damit konfrontiert, dass Studenten nur noch im Strategischen etwas wissen wollen. Die fragen mich dann: Wie komme ich rein in die Medien?"
Also nur negative Erfahrungen als Dozent?
Willemsen: Auch eine gute: Ich habe einen Vortrag an der Ludwigsburger Filmhochschule gehalten. Da hatten zwei Absolventinnen in ihrem Abschlussfilm eine Rolle für Uschi Glas vorgesehen, aber dann mich gefragt, ob ich die spielen könnte.
Und?
Willemsen: Ich habe gesagt: Sofort, aber nur wenn ich im Abspann als Herr Glas" bezeichnet würde. Und jetzt bin ich als Herr Glas" in einem Film drin, der mehrere Auszeichnungen bekommen hat: Meine Eltern" von Neele Vollmar.
In einem früheren Gespräch mit unserer Zeitung haben Sie einmal quotenfreie Programmplätze" gefordert. Was würde da laufen?
Willemsen: Ich würde auf jeden Fall eine alternative Tagesschau" machen, in der ich eine neue Definition der Nachricht zu Grunde legen würde.
Was wäre da eine Nachricht?
Willemsen: Eine Nachricht wäre der Handtascheninhalt 80-jähriger Frauen: Wenn ich rauskriegen könnte, wie viel Schmuck, wie viel Waffen, wie viel Devotionalien in solchen Taschen sind - im Vergleich zu vor zehn Jahren. Oder: Der Tod von Rex Gildo war der erste, bei dem die Ironie, wenn nicht Häme bis in den Nachruf gekommen ist. Das ist eine Nachricht. Die Erscheinung eines neuen Wortes wäre auch eine Nachricht.
Haben Sie eins auf Lager?
Willemsen: Das Wort natürlich" gebraucht mittlerweile jeder zweite Moderator in jedem zweiten Satz. An erster Stelle eine der für mich unsympathischsten Figuren des Fernsehens: Carsten Spengemann. Der gibt sich mit jedem natürlich" den Gestus desjenigen, der das Selbstverständliche verwaltet.
Apropos Spengemann. Finden Sie nicht auch seine Mimik noch viel kurioser?
Willemsen: Exakt. Ich gucke immer auf seine Mimik, vor allem, während er nicht spricht. Die ist auf eine so fratzenhafte Weise dämlich und gleichzeitig noch, sagen wir mal, windig, halbseiden, gebrauchtwarenverkäuferartig.
Jetzt müssen wir uns nur noch einigen, welche Vokabel da zitierfähig ist.
Willemsen: Alle. Es gibt keine Vokabel, vor der man Carsten Spengemann in Schutz nehmen müsste.
05 Februar 2004
tote hört man schlecht Nachdem ja vor wenigen Wochen sich ein Literaturprof den Scherz erlaubte, dass man die Situation in der DDR, als Hans Meyer verhaftet wurde, vergleichen könne mit einer heutigen Festnahme von Siegfried Unseld, hat heute auch ein Philoprof einen kleinen Klops gehabt. Er meinte, dass er schon lange nichts mehr von David Donaldson gehört habe, und man auch wohl nichts mehr von ihm hören würde. Watn Wunder, der gute ist bald auch ein Jahr tot...
03 Februar 2004
männer, frauen und andere olle kamellen Gestern gabs noch nen DVD-Abend. Uns ist allen irgendwie aufgefallen, dass zwar jeder die Orgasmusszene aus 'Harry & Sally' kennt, aber keiner den Rest des Films. Also nix wie rein in den Player, wenn er doof sein sollte, fliegt die Scheibe sofort wieder raus. Aber Irrtum, der Film hat ja echt Klasse. Auch wenn man Meg Ryan und Billy Christal das Liebespaar nicht abnimmt, sind die Grundsätze, auf die der Film aufmerksam macht, von Format. Und Billy Christals analysierende Äußerungen über die Gegensätzlichkeiten des männlichen und weiblichen Geschlechts geben immer noch zu Protestäußerungen ('So ein gefühlsloses A...loch') seitens der weiblichen Zuseherschaft und breiter Zustimmung der männlichen ('JAWOLL! Das ist unser Mann!') Anlass. Tja, und wie es sich jetzt wirklich Verhält in solchen Verhältnissen, das weis man nach dem Film auch nicht, aber mann kennt sinnvolle Fragen. Und das ist doch schon mal ein Anfang.
02 Februar 2004
computer und so Mein Bruder hat meiner Mutter wieder was beigebracht. Meinte sie jedenfalls, damit kann man ja den andern Sohnemann dann auch nerven. Tabulatoren benutzen bei Word statt Tabellen einfügen. WAS WEISS ICH DENN VON TABULATOREN? Naja, egal, da warse auf jedenfall nicht von abzubringen. Es klappte zwar nichts, was sie so anstellen wollte aber wen störts. Dann hat se doch noch Tabellen erstellt und versuchte bestimmte Textstellen in die Tabelle zu schieben. Sah schon putzig aus, wie sie den Monitor festhielt, damit der beim "schieben" nicht runterfällt :)
